Gnadenbringende Weihnachtszeit?

Am Haus gegenüber leuchten schon der Baum im Vorgarten, diverse Lichterketten und Rentier und Schneemann auf dem Garagendach. Die erste Kerze haben wir auch schon angezündet und dank des eng geflochtenen Adventskranzes duftet das Wohnzimmer morgens wunderbar nach Nadelbaum. In den 24 Papierbrottüten haben wir uns gegenseitig kleine Geschenke verpackt – ein geteilter Adventskalender. Dieses Jahr bin ich früh dran. Ich habe nicht lange gefackelt und kreative Ideen umgesetzt und Besonderheiten sofort gekauft, wenn sie mich für und an jemanden erinnerten. Keine Geschenkeliste mehr abzuarbeiten! Der Urlaub ist auch zum Greifen nahe!

Und ich höre halbherzig Weihnachtsmusik, habe alle Zutaten für Plätzchen bloß keine Lust und finde es nur furchtbar dunkel, trostlos und kalt draußen. Das ganze Jahr über freue ich mich auf die Adventszeit – alle wissen das. Ich gehöre zu denjenigen, die schon im September Spekulatius kaufen, Weihnachtsmusik ist meine Standard-Playlist. Wenn es dann so weit ist, verlässt mich der Zauber. Jetzt ist sie da: die heilige und gnadenreiche Zeit! Jauchzet und frohlocket! Nur fühle ich mich überhaupt nicht heilig oder gnadenreich. Es fühlt sich an wie immer: der Wecker klingelt viel zu früh, schon seit Wochen trinke ich meinen morgendlichen Kaffee nicht mehr auf Terrasse, sondern drinnen unter einer Decke, Wäsche muss gewaschen werden, noch schnell was zum Mittagessen einkaufen; der Alltag scheint auch ab dem 1. Advent noch so alltäglich.

Dabei sollte es doch dieses Jahr so anders werden!

Drei Wochen Urlaub im Dezember, um richtig einzutauchen – weil vielleicht hat das ja die letzten Jahre dazu geführt, dass meine Dezemberträume so viel heller waren als meine Dezembertage. Dieses Jahr ist auch so anders; so anders als gedacht. Wie das immer so ist mit Plänen und Erwartungen…und plötzlich ist er da, dieser Leerlauf. Dort, wo drei Wochen Weihnachtsmarktaktion, Schaufensterbummeln, gemütliches Beisammensein mit Freunden und vielleicht noch ein Trip zu einem adventlichen Get-away standen, füllt nun Ernüchterung den Raum. Wir können den Urlaub gebrauchen! Aber das soll mein allerschönster Weihnachtsurlaub sein?! Wo sind die Lichter, der Duft nach gebrannten Mandeln, der Geschmack von Glühwein und das Gefühl von kalten Zehen? Wo sind die Zusammenkünfte, um gemeinsam Lieder zu singen, die Konzerte zur Weihnachtszeit und die Weihnachtsfeier mit Kollegen oder Freunden? Nun hatte ich endlich ein Jahr, in dem ich mir diese heilige und gnadenreiche Zeit freigeschaufelt habe. Und nun scheint diese Zeit überhaupt nicht heilig und gnadenreich!

Oder doch?

Wie bringt die Weihnachtszeit Gnade? Und wem? Und wohin? Und wofür?

Kommt die Gnade in den tausenden LED-Lichter in der Stadt, in Vorgärten und Fenstern? Den Menschengruppen um den Glühweinstand? Dem Berg an schön verpackten Geschenken? Den Streitigkeiten in den Familien zu Festtagen, weil der Druck der Besinnlichkeit zu hoch ist? Der Einsamkeit mancher Menschen und die Scham darüber, die für einige gerade zu dieser Jahreszeit nicht auszuhalten ist? Mit der Hoffnung auf ein Leben ohne Armut und Krieg trotz der eisigen Fluten zu allen Seiten? In einen Stall ohne fließend Wasser und Strom, vergessen von den Menschen ringsherum?

Gnade – das heißt vergeben und geliebt werden; das fühlt sich an wie Erleichterung und Dankbarkeit, eine Last wurde genommen; das hört sich an wie hundert Menschen, die gemeinsam im Kerzenschein singen; das riecht wie frisch gebackene Plätzchen aus dem Ofen; das sieht aus wie leuchtende Kinderaugen unter dem Tannenbaum und glitzernde Lichter, die Straßenzüge erhellen; das schmeckt.. ja, wie schmeckt es? Süß. Gnade reimt sich auf Schokolade. Und hier schließt sich der Kreis: Zum Weihnachtsteller auf unserem Couchtisch bestückt mit Nüssen, Mandarinen und Schokoladenkringeln.

Dieses Weihnachten ist anders. Ich will nicht sagen „aber es ist alles gut“, weil es das nicht ist. Es ist in Teilen unangenehm, unsicher und vielleicht auch enttäuschend. Darf es das nicht sein? In einem Stall ohne fließend Wasser und Strom, vergessen von den Menschen ringsherum?

So will ich diese drei Wochen im Dezember nutzen und statt tun, will ich sein. Ich will sie fühlen, hören, riechen, sehen und schmecken, diese gnadenbringende Weihnachtszeit.

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