Was passiert da eigentlich in Kopf und Körper?

Der Dschungel an Pfaden scheint schier unbändig. Ich habe das Bekannte verlassen, mein altes Werkzeug beiseitegelegt und nun sucht sich der Impuls einen neuen Weg. Es ist alles neu. Es werden auf einmal Nerven gefordert, Synapsen unter Strom gesetzt, die jahrelang schlummerten. Eine Anstrengung ist es für Kopf und Nervensystem nicht automatisch die eingetretenen Bahnen zu bespielen. Etwas Neues wagen, neue Reaktionsmuster ausprobieren, endlich aus dem Schema, was mir nicht guttut, ausbrechen. Es fühlt sich nicht richtig an; kein Befreiungsschlag oder ein Himmelhochjauchzen. Ich handle entgegen jeglichen vorherigen Verhaltens; es löst Widerstand aus; es löst Skepsis aus. Nicht nur bei mir, sondern zu allem Überfluss auch meinen Gegenübern. Denn auch sie kennen diese neue Reaktion nicht. Dadurch werden auch bei ihnen neue Synapsen gefordert: wie soll ich auf einmal mit der neuen Situation umgehen? Die alten Verhaltensmuster helfen da nicht mehr. Also neue Pfade einschlagen. Und auch bei ihnen löst es Widerstand aus, die eingetretenen Bahnen zu verlassen. Nur haben sie einen klaren Schuldigen: mich, denn ich bin es ja schließlich, die sich dazu zwingt, das alte Verhalten zu ändern, weil ich mich verändere.

Unser Gehirn ist eine Lernmaschine. Unser Organismus ist darauf angewiesen, so schnell wie möglich, so effizient wie möglich, alle Informationen aus einer Situation aufzunehmen, zu filtern, zu bewerten und dann eine Entscheidung zu treffen, wie man handeln soll. Das sichert das Überleben.

Wenn nun etwas neu ist, ist das Unbekannte für unser Nervensystem erstmal „gefährlich“. So eine Situation haben wir noch nicht erlebt, was muss ich tun, um zu überleben? Wie groß ist die Gefahr tatsächlich? Unser Stammhirn kennt auf Stress eingeschränkte Antworten: Flucht oder Kampf. Oder den reptilienähnlichen Mechanismus des Erstarrens, „sich tot stellen“. Es geht alles rasant schnell und da es über unser vegetatives Nervensystem, auch autonomes Nervensystem genannt, abläuft, haben wir keinen Einfluss auf die ersten Körperreaktionen. (Es heißt ja autonomes Nervensystem, weil es autonom reagiert.) Impulse gelangen in die Nebenniere, setzen Hormone frei, werden direkt über Nervenstränge an Organe weitertransportiert, unser Körper reagiert: Herzklopfen, Magen zieht sich zusammen, trockener Mund, Adrenalin in den Beinen, die Hände zittern, der Atem geht schneller,… Und doch fallen wir in den wenigsten Situationen ohnmächtig um oder laufen weg vor einer Prüfung oder Streitgespräch. Aber zwischen Flucht, Kampf oder Ohnmacht gibt es ja noch Abstufungen wie Verdrängen, einfach nichts mehr sagen, verbal in den Angriff gehen,… So haben wir Muster entwickelt, die sich bewährt haben, wenn Stress droht. Es haben sich bestimmte Bahnen eingeschlichen, die nun den kleinstmöglichsten Widerstand bedeuten. Denn diese Bahnen sind ja so eingetreten, weil sie in der Vergangenheit gute Dienste geleistet haben und wir haben sie deshalb als überlebenssichernde Strategie angenommen.

Wir haben einmal angefangen aus unserem Werkzeugkoffer, der uns mitgegeben wurde und den wir weiterentwickelt haben, ein Werkzeug in die Hand zu nehmen – im übertragenem Sinne – und versucht, auf eine Situation anzuwenden. Wir haben erkannt, da ist das Problem und das hier ist mein Werkzeug für die Lösung des Problems. Und wenn das einmal geklappt hat, warum sollte es nicht wieder klappen? So schleifen sich Wege in unserem Nervensystem ein und wir entwickeln Verhaltensmuster. So lernt unser Organismus mit auf uns individuell abgestimmte Mechanismen mit Gefahr/Stress umzugehen. Und so wird auch unser Verhalten vorhersehbar für andere. Nur, dass wir heute kein Säugling mehr sind; dass wir heute kein Kleinkind mehr sind; dass wir heute andere Dinge für uns entscheiden als noch vor zehn Jahren oder zwei Monaten; dass wir bis zu unserem Lebensende neue Dinge lernen und deswegen unser Weltbild vielleicht nicht in Gänze aber doch in Teilen immer wieder neu zusammenstellen und wir deswegen auch neue Bewertungen von Situationen vornehmen. Also brauchen wir vielleicht neue Werkzeuge, die heute besser zu uns passen; die uns heute besser dienen als die alten. Auch wenn die alten Werkzeuge, die gewohnten Bahnen, scheinbar der einfachere Weg sind. Unser Gehirn ist diese Strecke jahrelang entlanggefahren, diese Nervenstränge wurden unermüdlich bedient. Und jetzt etwas Neues? Es ist auch raus der Komfortzone und bedeutet inneren und äußeren Widerstand und Skepsis. So lernt unser Gehirn. So lernt unser Nervensystem: auch diese neue Reaktion ist sicher. Wir können anfangen einen neuen Pfad auszutreten und das neue Werkzeug liegt mit jedem benutzen Mal leichter in der Hand. Bis wir merken, vielleicht ist es Zeit für das Werkzeug erneut auszutauschen oder anzupassen.

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