Ich wollte Tierärztin werden

Ich wollte Tierärztin werden. Und irgendwann wollte ich es nicht mehr. Ich sage „irgendwann“, weil ich mich nicht mehr so genau daran erinnern kann; genauso wenig wie an die Tatsache, dass ich den Wunsch überhaupt je geäußert hatte. Beides jedoch bestätigte meine Mutter. Vor allem kann sie auch noch genau festmachen, wann mich der Wunsch verließ: Als sie erwähnte, dass dann kranke oder verletzte Tiere zu mir kommen würden. Unvorstellbar! Oder noch schlimmer: Dass ich als Tierärztin vielleicht auch Tiere einschläfern müsste. Ab da an war es aus, denn was heute gilt, galt scheinbar auch damals schon für mich: Ich kann keine leidenden Tiere sehen. Insofern habe ich ein Lebensmotto von mir wiederentdeckt, das sich seit jüngsten Jahren zu einem meiner Eckpfeiler entwickelt hat.

Bevor mir also meine kindliche Naivität bezüglich der Jobwahl „Tierärztin“ genommen wurde, habe ich – laut Berichten meiner Mutter – viel mit Kuscheltieren gespielt und meinem Traumjob nachgeeifert. Und tatsächlich kann ich mich daran erinnern, wie ich meine Kuscheltiere verarztet habe. Ein Bild ist im Kopf, wie ich Sally – eine sitzende, helle Labradorhündin – einen Verband um ihr Bein anlege (eine aussortierte Mullbinde). Ich kann mich ansonsten nur noch an die Höhlen erinnern, die wir aus Stühlen und Decken bauten und in denen wir mit den Kuscheltieren lebten, aber scheinbar habe ich im Spiel den Tieren geholfen und ihre Verletzungen geheilt.

Nun ist das im Spiel auch alles gut. Denn selbst wenn die Kuscheltiere eine Verletzung haben, sehen sie immer noch so aus wie immer: fröhlich, ausgestopft und definitiv nicht blutend oder leidend. Der Beruf Tierärztin schien perfekt. Denn ich wollte, und will noch immer, Tieren helfen. Und die Tiere, die die meiste Hilfe brauchen, sind nun mal verletzte und/oder vernachlässigte Tiere. Im richtigen Leben jedoch sieht man den Tieren ihr Leid an.

Scheinbar hat mein kleines Herz damals eine Entscheidung getroffen, die bis heute Bestand hat. Es hat entschieden, dass es das – das Leid, den Schmerz, die Angst – nicht ertragen kann. Es kann die Last nicht tragen, den Raum dafür nicht halten, ohne Gefahr zu laufen, in das Leid, den Schmerz, die Angst abzugleiten. Ich habe mich diesem Teil gefügt.

Ein Hund namens Beethoven wurde zu meinem Kinderhorrorfilm, weil es eine Szene gibt, wo ein Mann mit einer Spritze auf den Hund losgeht. Filme – ob fiktiv oder real – wo Tiere sterben, kann ich nicht gucken. Die Filme Hashiko und Marley & ich stehen bei meiner Familie auf der roten Liste. Es gibt einen Grund, warum ich „zufällig“ im Urlaub war, als unser Hund Alena eingeschläfert werden musste. Das Universum weiß, wie ich es verkrafte: nicht gut. Genau wie damals als unsere Katze Biene eingeschläfert wurde. Ich kam nach Hause nach einem Nachmittag bei einer Freundin, ich war vielleicht 10 Jahre alt, und Biene lag steif in der Transportbox. Ich glaubte meinen Eltern nicht. Sie sah aus, als wenn sie schlief, mit offenen Augen. Ich wollte es nicht glauben, konnte es nicht glauben. Oder der Moment zwei Jahre später als ich mit meinem Vater den Behandlungsraum der Tierärztin verließ, Tommy, unser Kater, blieb hinter der verschlossenen Tür zurück. Ich begriff zu spät, dass es das Ende war. Und so stürmte ich nicht nochmal ins Behandlungszimmer, um meinem treuen Begleiter seit meiner Geburt beizustehen. Ich weinte die gesamte Autofahrt nach Hause und noch länger.

Es gibt auch einen Grund, warum der Tod der Katzen so eine Leere hinterließ, dass meine Schwester und ich zwei Jahre lang Überzeugungsarbeit leisteten bis Alena zu uns kam. Es gibt einen Grund, warum meine Familie kranke, zu schwache Igel im Winter versucht aufzupäppeln – auch wenn nicht alle überleben; warum meine Familie ohne Zögern Meerschweinchen und Kaninchen aus vernachlässigter Haltung zur Pflege und dann doch auf Lebenszeit aufnimmt; warum verletzte Vögel, verirrte Schildkröten aufgesammelt und in professionelle Hände übergeben werden. Es gibt einen Grund, warum ich die Straßenseite wechsele, um zu gucken, ob sich die Katze streicheln lassen will oder dass ich besser mit den Hunden als den Besitzern ins Gespräch komme. Es gibt einen Grund, warum ich, als ich einfach nur was für mich, aus reiner Lust und Laune, machen wollte, mich für Tierheilpraktikerin interessierte. Bis unter Voraussetzungen der verheißungsvolle Satz wiederkehrte: Sie müssen mit leidenden Tieren umgehen können.

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Da war es wieder, die Angst vor dem Schmerz der Tiere. Es scheint Paradox, da mir ja klar sein müsste, dass Tiere nicht in aller Zufriedenheit und auf dem Zenit ihres Lebens mir „einfach so“ als Tierheilpraktikerin einen Besuch abstatten würden nach dem Motto: Ich bin zum Kuscheln hier. Und doch hat dieser explizite Satz etwas bei mir getriggert. Die Begeisterung war weg, der Schock war da.

Meine Schwester hatte ein Gespräch mit einer Freundin.

Freundin: „Weißt du noch Isabella aus dem Studium? Sie macht genau das, wofür sie brennt. Sie geht total in ihrem Beruf auf. Es war zwar auch ein langer Weg dorthin, aber sie scheint so glücklich. Vielleicht finden wir auch irgendwann unsere Leidenschaft.“

Meine Schwester: „Ich glaube nicht, dass wir unsere Leidenschaft finden müssen. Wir haben sie – von ganz klein an – aber vielleicht haben wir so viel Angst, was passieren könnte, wenn wir ihr nachgeben (scheitern oder darin aufgehen), dass wir sie tief begraben haben.“

Auch wenn diese Unterhaltung paraphrasiert ist, bin ich doch immer wieder von der Weisheit meiner jüngeren (!) Schwester beeindruckt. Klar kann man Leidenschaft auch im höheren Alter entdecken, aber der Kern, dass was uns antreibt, wird in den ersten Lebensjahren geprägt. Unsere Leidenschaft, von der wir unsere Energie beziehen, die uns Hummeln im Hintern macht und laut jauchzen lässt, die haben wir alle, seit unserer Kindheit. (Beweis: Kinder haben Hummeln im Hintern und jauchzen laut.) Aber dann kommt der Punkt, wo manche ihre Leidenschaft begraben. Sei es um Erwartungen zu entsprechen oder – wie in meinem Fall – weil die Angst siegte. Und da ich leidende Tiere mit Angst verknüpfte bzw. mit der Angst selbst Schmerz und Leid zu fühlen, hätte ich nie gedacht, dass das meine Leidenschaft ist!

Klar, ich weiß, dass ich Tiere mag. Wer mag sie nicht? Okay, einige vielleicht. Aber meine Leidenschaft?! Mit Tieren zu arbeiten, zu leben? Und arbeiten meint hier nicht zwangsläufig im ökonomischen Sinne Geld verdienen, sondern mit ihnen zu wirken, durch sie zu wirken. Das ist nämlich eine weitere Falle, die wir uns gerne stellen: Der Irrglaube, es ist nur eine wahre Leidenschaft, wenn man damit Geld, den Lebensunterhalt, verdienen kann. Wenn nicht, dann sind es Luftschlösser. Aber wer sagt, dass das Leben daraus besteht, jegliches Handeln, jegliche Motivation in den Dienst der Geldvermehrung zu stellen?

Und ich werde stutzig. Leidenschaft. Ich assoziiere damit, dass ich für eine Sache brenne, Feuer und Flamme bin, es sprudelt, es raubt Energie und gibt gleichzeitig so viel zurück. Leidenschaft. Aus Leid etwas schaffen. Plötzlich verdrehen sich die Glaubenssätze. Die Welt ist nicht nur rosa-rot und das Leben ist kein Ponyhof (außer für Ponyhof-Besitzer). Und manchmal sind die wichtigsten Dinge die, die man den ganzen Weg weinend begeht. Crying all through the way – es ist schwer und schmerzlich, aber die Alternative wäre, es nicht zu tun.

Ich habe dem Teil nachgegeben, der mein Herz schützen wollte – vor den winselnden Lauten, den Wunden, der Panik, denn man kann Tieren nicht erklären, was jetzt passieren wird. Die Angst davor ist real. Aber so auch die Leidenschaft dafür (nicht die OPs und Wundversorgung aber das Wirken mit Tieren).

Und bei genauer Betrachtung ergibt es sogar Sinn. Wer kann uns am meisten verletzen? Die Menschen, die wir am meisten lieben.

Wovor habe ich meisten Angst? Angst nicht aushalten, ertragen zu können; daran unterzugehen und klein zu werden? Vor meiner größten Stärke – in diese Stärke reinzugehen, darin aufzugehen.

Neben den befürchteten Situationen, die es geben wird, kann ich aus meiner Stärke Energie schöpfen, weil ich mit Geist und Körper dabei bin. Aus Leid etwas schaffen. Dafür müssen weder Tiere noch Menschen noch die Umwelt zwangsläufig leiden. Das Leid liegt in uns, in unserer Seele, unserem Glauben oder besser unserer Angst: Was ist, wenn ich es doch nicht kann, schaffe, nicht stark, intelligent,…genug bin. Und was wäre, wenn du einen zaghaften Schritt machst und dann noch einen? Denn mehr ist es nicht. Ein Schritt nach dem anderen. Und die gute Nachricht ist: Wir dürfen unsere Meinung auch ändern! Wenn es dich nicht belebt – trotz der Angst – dann kannst du aufhören. Oder du hast, ohne es zu ahnen oder zu erwarten, etwas erschaffen. Ob es ein Gemälde, die Theateraufführung, der Flugschein, ein Kind großziehen, der Beitritt im Leichtathletikverein oder den Verband an einem verletzten Hundebein anlegen ist.

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