Romantik ist zu emotional

Ich mache mich verletzlich und nahbar, wenn ich über mich, meine Ängste und empfundenen Unzulänglichkeiten schreibe. Die Scham schwingt immer mit. Denn was passiert, wenn ich Licht dorthin bringe, was bislang im Schatten lag: Auslachen, Ablehnung? Dann werden meine schlimmsten Ängste wahr: ich darf mich nicht so zeigen wie ich bin und dann bin ich alleine; mit mir. Aber ich bin ebenso alleine, wenn ich – aus Angst – mich entscheide, mich nicht zu zeigen und zu öffnen. Deswegen: Go vulnerable or go home #BrenéBrown. Und: We can do hard things #GlennonDoyle.

Und dann kam dieser Satz: Romantik ist zu emotional.

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Vor allem ist sie zu überzogen, so wie sie daherkommt in Filmen und Büchern; ja fast ein Affront. Die Disneyprinzessinnen, die gerettet werden (warum müssen sie eigentlich gerettet werden?) und dann ein happily ever after leben; die Liebenskomödie, wo nach hin und her doch der Seitensprung vergeben wird oder sich die Persönlichkeit eines Menschen komplett ändert und passend nach 90 Minuten, das Paar nun doch zusammenfindet. Romantik – klischeemäßig von Jungs verachtet-gefürchtet, rote Rosen, Parfüm, Kerzenlicht und diese allumfassende liebevolle Stimmung zwischen zwei Menschen. Das ist ja kaum auszuhalten!

Warum eigentlich?

Warum können wir es nicht aushalten? Warum können wir uns eher über eine romantische Szene lustig machen anstatt uns zu freuen? Oder das andere Extrem: total darin vergehen und lieber in Luftschlössern, die eine heile Welt versprechen, leben anstatt anzuerkennen, dass Leben stetiges Lernen und Wachsen an Herausforderungen bedeutet?

Und warum fällt es mir leichter, über die Herausforderungen und Erfahrungen von Schmerz, Trauer, Angst und Wut zu schreiben und diese zu teilen als über das Glück, die Innigkeit, Leichtigkeit und Geborgenheit mit meinem Partner?

Kann es sein, dass es schwerer ist, über das Licht als die Dunkelheit zu schreiben? Kann es sein, dass wir für uns und vielleicht auch gegenüber anderen Verletzlichkeit eher akzeptieren, wenn sie aus Schmerz, Trauer, Angst besteht? Wir alle kennen diese ungewollten Begleiter aus verschiedenen Situationen, in verschiedenen Formen. Wir sind alle im selben Boot und versuchen die Fluten und Stromschnellen zu navigieren.

Aber pure Lebensfreude, Glück, Ausgelassenheit und Innigkeit?

1. Das will ich nicht sehen, denn es hält mir den Spiegel vor, von dem was ich nicht (verdient) habe. 2. Das ist nur Trug und Schein, ja für einen Moment aber dann bricht alles unweigerlich zusammen. 3. Das ist nur Illusion, eine schöne heile Welt, die so überhaupt nicht existiert und wieso sollte ich einem eingebildeten Ideal hinterherjagen?

So oder so ähnlich könnten sich die Stimmen anhören, die nur eines im Sinn haben: Uns zu schützen. Vor Verletzung, Schmerz, Enttäuschung.

Unsere größte Angst ist gleichzeitig unsere größte Sehnsucht. Aufzuwachen und zu fühlen, zu sagen und zu leben: mir geht es gut, ich liebe, ich werde geliebt und ich lebe und zeige es auch.

Und dann ist da noch dieser Teil von mir, der es zur Gewohnheit gemacht hat, zu klagen, zu weinen, zu leiden, sich zu verstecken. Das Leid ist da – definitiv. Und trotzdem gibt es diesen Teil von mir, der sich gerne darin suhlt, weil es gewohnt und somit sicher ist. Mein Körper hat verinnerlicht, dass Fötushaltung und tränenüberströmte Wangen zwar unangenehm – keine Frage! – aber ein gewohntes Muster ist. Und mit jedem neuen Mal bestätigt sich diese scheinbar unausweichliche Prophezeiung. Mein Geist hat Gefallen daran gefunden, alleine der Stimme nachzugeben, die klein hält, katastrophiert und zu meinem Begleiter geworden ist. Ein Teil von mir lebt durch die Schwere und Last – und hält deshalb, es geht ja um sein Überleben, mit allen Kräften daran fest. Da ist kein Platz für Romantik; nein, da darf kein Platz für Romantik sein.

Denn was wäre, wenn es wahr sein könnte? Was wäre, wenn es schon wahr ist? Glück, Leichtigkeit, sich fallen lassen? Kann ich das überhaupt? Steht mir das zu? Ist das überhaupt für mich vorgesehen in diesem Leben? Und was, wenn ich es nicht kann, keiner mich will?

Dann eben lieber Romantik verdammen, zynisch abtun oder sie zu einem Ideal verklären oder wahlweise als Heilmittel gegen das eigene Unglück auserwählen, was sie nie erreichen kann und somit auch zum Scheitern verurteilt ist.

Oder mal was ganz Neues: versuchen auszuhalten. Was passiert mit und bei mir, wenn ich eine liebevolle Szene im Film oder eine romantische Geste im Café beobachte? Was passiert, wenn ich Teil der Szene bin? Kann ich meinen Gefühlen trauen? Stürzt nicht gleich alles zusammen und falle ich nicht noch tiefer als zuvor, weil ich mit ganzem Herzen dabei bin?

Wenn ja, dann habe ich alt bewährte Muster, die wissen, wie ich mit Schmerz, Trauer und Angst umgehen kann. Sie begleiten mich ja schon mein Leben lang und dürfen nun einen Schritt zu Seite gehen.

Wenn nein, dann habe ich ein neues Lebensgefühl gewonnen.

In meinem Fall: eine Partnerschaft voller Innigkeit, Zärtlichkeit, Lust, Leichtigkeit, Singen und Tanzen, Blödelei, Diskussionen, liebevoller Gesten, flüchtiger Berührungen, umklammernder Umarmungen, Vertrautheit und sicherer Geborgenheit.

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