Von kleinen Völkern

Im Wald steht ein Baum. Eine alte Eiche, bemoost, mit tiefen Furchen im Stamm und geschwungenen Ästen, die von Winden und Stürmen und Widerstandfähigkeit zeugen. Nun stehen viele Bäume in einem Wald. Ja, es ist die Grundbedingung – die Ansammlung von Bäumen – um von einem Wald zu sprechen. Sie alle haben viel gesehen, viel miterlebt. Sie alle sind markiert durch Einschnitte ihrer Zeit. Doch diese Eiche ragt empor. Sie ist nicht der größte Baum, noch hat sie den dicksten Stamm. Dennoch sticht sie heraus: die magische Lebenswurzel, die symmetrische Baumkrone, die Erhabenheit, die den ganzen Platz umgibt. Es ist eine stolze Eiche, die mehr vom Leben gesehen hat, Abgründe und Wunden kennt und die überdauert. Jeden noch so harten Winter, die Trockenheit im Sommer, die Herbststürme, jede vorbeiziehende Gruppe an Menschen; ob Wanderer oder, zu früheren Zeit, Kriegsbataillone auf ihrem Weg, Freiheit zu bringen. Doch weder die eine noch die andere Seite wussten um Freiheit.

IMG_E1316

Die Eiche ist Rastplatz für viele Suchenende; jene die wandernd durch die Wälder streifen und eintauchen in das Dickicht und dann bei ihr verweilen. Wenn man ganz still ist und sich nicht bewegt, sich einfügt in das Bild der Lichtung, dann kann man es hören: die raschelnden Blätter, durch die ein Windstoß fegt, das knackende Unterholz, das Nasenrümpfen der Tiere auf der Suche nach Futter oder bei der Wittering von Gefahr. Dann kann man es riechen: die Rinde, das Moos, jede Blütenart. Man kann es schmecken – es liegt Wald in der Luft!

Die Eiche – oder eine ihrer Schwestern oder Cousinen – war Schauplatz vieler zauberhaften Begegnungen. Peter, der Maler, der unter der verzauberten Ulme schlief und fortan für einen Tag mit den Tieren des Waldes reden konnte. Winnie Pu – wie seine Freunde lebt er in einem Baum und klattert auf solche hainauf, um an den Honig zu kommen. Peter Pan, der ein Baumhaus in den Kronen bewohnt. Und schließlich David der Kabauter, “er lebt in einem Zwergenhaus versteckt im tiefen Wald”. Und dieses Haus liegt in einem Baum mit einer Falltür für Wiesel, mit Küche, Wohnraum, Schlafkoje und Notausgang. Auch ich bin dort gewesen und habe ihre Abenteuer verfolgt.

IMG_1168

Als Kind stellte ich mir vor, wie kleine Völker – Zwerge und Feen – in der Natur lebten. Nicht irgendwo und irgendwie, sondern in Pilzen und Bäumen hatten sie ihr Zuhause. Ich malte ihnen Wohnungen, mehrstöckig, mit allem, was man eben zum Leben braucht: Schlafzimmer, Küche, Bad, Kinderzimmer, kleiner Treppe, die die Ebenen verbindet und sogar Fenster und natürlich eine Tür. Dabei war es mir immer wichtig, dass die kleinen Völker in und mit den Dingen lebten. Die “Aushöhlung” des Pilzes oder Baumes führte nicht dazu, dass jene abstarben. Die kleinen Völker lebten scheinbar so mühelos in den Wäldern, die für mich zwar tagsüber ein großer Spielplatz waren, aber die sich bei ankündigender Dämmerung in gruselige Schatten verwandeln konnten. Ich war froh in die Wärme und das Licht meines Kinderzimmers zurückkehren zu können. Ein Bett aus Blättern und Ästen, schlafen ohne Bettdecke, sondern unter einem großen Ahornblatt? Ich wusste schon früh, dass diese Lebensweise nicht unbedingt für kleine Kinder geeignet war.

Nichtsdestotrotz wünsche ich mir heute noch oft an diesen Ort zurück, der voller Magie und Ruhe scheint. Oder in meinen Erinnerungen beides verspricht. Wenn ich heute an den Bäumen vorbeilaufe, lege ich manchmal meine Hand auf den Stamm. Die Rinde erzählt von Verletzungen und Wachstum; von Stellen, wo das Sonnenlicht nicht hinstrahlt und sich dafür das grüne Moos ausbreitet. Welche Erhabenheit! Voller Ehrfurcht frage ich mich, was sie schon alles gesehen haben müssen, was sie nicht alles erzählen könnten.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.