Stehen bleiben

Ein Teil von mir macht es schon wieder. Getrieben von Angst, einer Einengung und dem Gefühl von „ist da nicht noch mehr?“ – angezogen von Neugier und Abenteuerlust. Das „Flucht“-Gen ist wieder aktiviert worden und drängt die Zellen meines Körpers zum Aufbruch. Oder vielmehr zur Umwälzung.

Denn so kann es ja nicht weitergehen! So will ich mich nicht ansehen! Irgendwo muss ich doch auch mal meine Berufung finden!

Zum Glück hat der größere Teil von mir bereits gelernt, dass sich Hals über Kopf hineinstürzen in ein Neues nur um dem Alten auszuweichen, noch nie funktioniert hat. Eine harte Lektion, die ich am anderen Ende der Welt lernen durfte (natürlich erst in Retroperspektive! Zum damaligen Zeitpunkt war an „lernen“ nicht zu denken, nur an „weiter atmen“). Und so will ich gar nicht alles über Bord werfen. Die Stabilität und Liebe ist zur Grundlage meines Alltags geworden – was für ein Glück! Und trotzdem treibt mich ein Teil voran. Nicht stehen bleiben. Alles rast um mich herum – die letzten Monate, die Begegnungen, die Ideen, die Selbsterfahrungen. Der Kopf will nicht verweilen, sondern hineinspringen in den Strom und mitschwimmen. Immer weiter. Das Leben muss doch noch anders gehen – ohne Brett vor dem Kopf, das Kreativität blockt; ohne ein Verschieben auf „später“; ohne diese Zweifel. Also bloß nicht stehen bleiben! Sondern etwas anderes ausprobieren, weil das könnte die ersehnte Erlösung bieten.

Und der Körper und die Seele? Sie sind erschöpft. Vom Kampf gegen einen Alltag, der kein Feind sein sollte. Von der Flucht in Neues, um ja nicht stehen bleiben zu müssen.

Und was soll er lösen? Gemeinhin lösen wir Fragen, Rätsel und Probleme. Also was zerbricht uns den Kopf, dass wir die Lösung – die Er-Lösung – im Außen suchen? Wie wäre es mit: wie das Leben mit 20, 30, 40 oder 60 Jahren aussehen müsste; was wir bis jetzt erreicht haben sollten; wie wir uns doch eigentlich fühlen sollten; wer ich eigentlich sein sollte?

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Vielleicht müssen wir uns von diesen eingeübten-selbstauferlegten Vorstellungen trennen. Das Loslassen ist der Start für das Einlassen. Auf das Leben, was wir sowieso schon leben jeden Tag – aber vielleicht haben wir dann die Chance, nicht den ständigen Kampf zu leben und ihm entfliehen zu wollen. Eine Flucht ist nie freiwillig. Es ist ein nach vorne, wenn zurück keine Option ist. Getrieben von Angst und Ausweglosigkeit – das ist nie ein guter Start in einen Neuanfang. Zumal wir das Glück haben, entscheiden zu können! Bleiben bedeutet Augen auf und akzeptieren, dass dieser Moment das einzige ist, was zählt. Denn wir leben tatsächlich nur im Moment – alles andere sind Erinnerungen oder Antizipationen an Momenten. Das Hier und Jetzt können wir verwandeln. Aber dazu müssen wir erstmal stehen bleiben.

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