Das Muster

Es war mal wieder so weit: Sonntagabend und dieses beklommene Gefühl im Bauch. Die ersten Gedanken waren vielleicht schon am Vortag im Kopf umher gestreift und lösten einen ersten Schauer an Gefühlen aus. Doch spätestens seit Sonntagnachmittag war an ein Wegschieben und Verdrängen dieser Bilder über die bevorstehenden Szenarien nicht mehr zu denken. Und somit lungerten auch die Gefühle in den Ecken des Körpers und lösten die altbekannten Abläufe aus: eine gegenseitige Verstärkung, das Zusammenspiel von im Vorfeld im Geiste durchlebten Begegnungen, Aufgaben und Herausforderungen der anbrechenden Woche und den sich einstellenden Gefühle aus… ja, aus was? Beklommenheit, Angst, vor dem Nichtgewachsen sein, den Ansprüchen – den eigenen und denen der anderen, dem „ich schaffe das nicht“, weil ich zu wenig Zeit habe, zu wenig Wissen habe, zu wenig Kraft und Energie habe.

Diese Spannungsfelder zerrissen mir meine Sonntage. Die Ruhetage, die Tage der Besinnung und Kraftschöpfung. Wenn die Hälfte meines Wochenendes davon geprägt war, bereits mit den im Geist erschaffenen möglichen „Problemen“ der nächsten Woche zu kämpfen, war es kein Wunder, dass die Energie langfristig schwand. Ein Computer, der die ganze Zeit unter Strom ist und nicht abgeschaltet wird, läuft auch heiß.

Die Frage war doch, wie abschalten; wie das Muster aufbrechen und die wechselseitige Abwärtsspirale aus dem Geistigen „ich durchlebe meine schlimmsten Befürchtungen der nächsten Woche am Sonntag“ und den damit verbundenen Emotionen, die den Körper lähmen, stoppen?

Ein Teil von mir nahm größte Gefahr wahr und schrie es jedes Wochenende in meinem Kopf herum. Der Teil ist Ego und Ego wollte nicht versagen, nicht ausbrechen. Im Zweifelsfall entschied es sich immer für den geringsten Widerstand – das hieß nicht zwangsläufig klein beigeben, sondern konnte auch mit dem Kopf durch die Wand bedeuten. Auf jeden Fall war Ego der Cheerleader der Katastrophenszenarien.

Und obwohl ich das Muster erkannte, war ich in ihm gefangen. Es schien aussichtslos. Denn es waren ja alleine die äußeren Umstände – das frühe Aufstehen, die dunkle Jahreszeit, die Arbeit, die Atmosphäre mit den Kollegen, die alltäglichen „Kleinigkeiten“, die jeder machen musste und trotzdem irgendwie keine Kleinigkeiten waren (putzen, waschen, kochen – ggf. noch Kinder und Haustiere versorgen und erziehen, ach und dann noch Hobbies nachgehen) – die auf mich einprasselten und denen ich schutzlos ausgeliefert war. Kein Wunder, dass Ego „Alarm!“ schrie. Und je mehr mich das beschäftigte desto früher fingen die Warnsignale an. Freitagnachmittag war noch okay, aber Samstag kam der erste Gedanke: morgen ist Sonntag. Aber Sonntag war kein eigenständiger Tag. Es war der Tag vor Wochenbeginn. Der Tag bevor der ganze Irrsinn wieder begann.

Ich war nicht die einzige, der es so ging. Bekanntlich schlafen viele Menschen von Sonntag auf Montag besonders schlecht. Viele Menschen wissen um die Umstellung auf den alltäglichen Arbeitsrhythmus von Sonntag auf Montag.

Mir war sehr bewusst, wie ich mir selbst Lebensfreude und Energie raubte. Es war niemand von außen. Ich war es selbst. Die Macht der Gedanken ist nicht zu unterschätzen. Und so sehr es mir nicht gefiel, dass es nicht das Außen war, sondern mein Inneres, das die Sturmfluten heraufbeschwor; die Antwort lag bei mir.

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Nach wie vor sind Ego und ich an jedem Wochenende in einem Aushandlungsprozess, wie weit es gehen darf. Und einem Ruhe und Achtsamkeit zu verschreiben, wenn ja gerade alles in Aufruhr ist, scheint unmöglich. „Meditieren und den Moment genießen, kann  ich wieder, wenn ich ruhiger bin.“ Aber genau das ist der Punkt: wir brauchen es genau dann, wenn alles in uns schreit und tobt. Eigentlich brauchen wir es schon früher, weil dieser Kampf ein Zeichen dafür ist, dass wir einmal zu oft eine rote Ampel überfahren haben und nicht früh genug hingehört haben. In uns hineingehört haben. Denn den schwarzen Peter auf die äußeren Einflüsse zu schieben, ist der geringere Widerstand. Wir dürfen einen Schritt davor gehen und hinter die Kulisse blicken. Und manchmal dürfen wir schamlos und ohne schlechtes Gewissen uns eingestehen: wir sind fertig, wir können nicht mehr – auch wenn wir nicht gerade Nachtschicht um Nachtschicht Menschenleben retten oder von Sirenen, die einen Bombenangriff ankündigen geweckt werden. Wir dürfen uns zugestehen: ich habe eine Grenze. Im Vergleich zu anderen scheint sie lächerlich zu wirken, aber Grenzen sind ja genau dafür da! Wenn alle alles gleich empfinden und erleben würden, bräuchten wir keine individuellen Grenzen mehr.

Meine Grenze war erreicht. Aber hielt ich sie auch ein? Wir wissen, was eine permanente Grenzüberschreitung zur Folge hat. Wir sehen es jeden Abend in den Nachrichten. Krieg. Und es wäre ein Krieg gegen uns selbst.

Jede und jeder darf selbst entscheiden, wem sie oder er Gehör schenkt. Wie viel sind die eignen Ansprüche und Erwartungen und die der anderen wert? Vor allem wenn wir selbst dabei auf dem Spiel stehen?

Es ist Sonntag. Ich darf mich wieder neu entscheiden.

 

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