Neue Horizonte

„Und an diesem Morgen stand ich auf und wusste: nun ist es Zeit, ich bin bereit den nächsten Schritt zu wagen. Nach Monaten und Wochen des Selbstmitleids bis hin zur Lethargie war ich bereit in meine Kraft zu treten, überhaupt den Gedanken zuzulassen, dass ich nicht vollkommen ausgesaugt und leer war, sondern dass da noch etwas in mir schlummerte. Ja, da war er der Lebensgeist, die Lebensfreude, die Neugier auf mehr, der Drang nach Entdecken – denn eines stand außer Frage: auf dieser Welt, in diesem Leben, in meinem Leben gab es noch so vieles zu entdecken; so vieles war noch ungesehen, ungesagt, ungefühlt. Und ich war nun so weit, wieder aktiv am Leben teilzunehmen,  anstatt es durch einen grauen Schleier zu registrieren. Denn es gab natürlich keinen Pausenknopf.

Das Leben ist kein Film, den man anhalten, von neuem anschauen kann und dann beim dritten Mal das winzige Detail bemerkt, dass dem Ganzen eine andere Wendung gibt. Das Leben lebt durch die Gestaltung aller – dem Tag-Nacht-Rhythmus, den Jahreszeiten, den Handlungen der Mitmenschen, der eigenen Gestaltung. Auch ein Nichts-tun ist eine Art der Gestaltung.

Und so hatte mein Leben und die Welt weitergelebt, obwohl ich lange Zeit so abgekapselt war – von meinem Körper, meinen Gedanken, meinen Mitmenschen – dass ich eigentlich eher wie ein Zuschauer schien als wie der Protagonist meiner Lebensgeschichte. Alles hat seine Zeit. Auch der Schmerz, die Verzweiflung, die Wut, die Trauer und die Ohnmacht. Wie jeder Gedanke, jede Emotion sind sie aber endlich. Sie sind wie Wolken, die in das Blickfeld geraten und im nächsten Augenblick verformt sich die Wolke auch schon wieder zu einer neuen Gestalt bevor sie dann getrieben vom Wind weiterzieht.

Meine Wolke hieß nun Mut, Hoffnung und eine Prise Selbstironie. Fast schon hatte ich Angst vor meinem Euphorieschub. Denn wie konnte ich sagen: mir geht es ganz okay; geschweige denn gut oder noch unvorstellbarer: ich bin glücklich? Wie lange waren diese Zustände unbekannt gewesen, wie ein Fremdkörper, der scheinbar allen anderen zustand, nur nicht mir. Und sie nun zuzulassen, bedeutete das nicht Raum geben, für den harten Fall zurück in das Verlies der Dunkelheit? Erst gar nicht fühlen aus Angst vor der Endlichkeit guter Gefühle? Vielleicht hatte ich am Ende so „ein glückliches Leben“ gar nicht verdient. Bei allem, was so passiert, konnte man ja auch gar nicht immer glücklich sein.

Das war genau der Punkt. Ich atmete ein und aus. Ich war ich. In diesem Moment konnte ich niemand anders sein als ich selbst, so wie ich genau jetzt war. Nicht wie ich vor 10 Jahren oder 10 Tagen gewesen war und mich gefühlt hatte. Ich stand hier und wusste und fühlte: du darfst dich freuen, du darfst singen, du darfst tanzen. Und es wird dich nicht bewahren vor. Aber es wird dich stärken für.

War ich wirklich bereit? Wie mich erklären gegenüber allen und gegenüber mir selbst? Was würde passieren, wie lange bis zum nächsten breakdown?“

Und wieso musst du die Antworten kennen? Würdest du dich anders entscheiden, würdest du anders handeln? Würdest du dein Leben anders leben? Was braucht es, damit du in der Endlichkeit die Schönheit und das Besondere erkennst und es feierst – jeden einzelnen Tag?

IMG_3406

(Foto: Lisa Gellert)

Es gibt eine Zeit für alles. Jeder Moment, jede Erfahrung, jede Gefühlsregung hat ihre Daseinsberechtigung.

„Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit: eine Zeit zum Gebären und eine Zeit zum Sterben, eine Zeit zum Pflanzen und eine Zeit zum Ausreißen der Pflanzen, eine Zeit zum Töten und eine Zeit zum Heilen, eine Zeit zum Niederreißen und eine Zeit zum Bauen, eine Zeit zum Weinen und eine Zeit zum Lachen, eine Zeit für die Klage und eine Zeit für den Tanz; eine Zeit zum Steinewerfen und eine Zeit zum Steinesammeln, eine Zeit zum Umarmen und eine Zeit, die Umarmung zu lösen, eine Zeit zum Suchen und eine Zeit zum Verlieren, eine Zeit zum Behalten und eine Zeit zum Wegwerfen, eine Zeit zum Zerreißen und eine Zeit zum Zusammennähen, eine Zeit zum Schweigen und eine Zeit zum Reden, eine Zeit zum Lieben und eine Zeit zum Hassen, eine Zeit für den Krieg und eine Zeit für den Frieden.“

3. Kapitel, Buch Kohelet

 

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.