Vom Erblühen und Sterben

Ich sehe die Blätter tanzen. Ein Meer aus grün und gelb verschwimmt in einem Rauschen und wiegt auf und ab.

Ich höre die Blätter singen. Ihr Gesang ist ein Chor, der leise raschelt und tosend laut den Wind im Innenhof hörbar macht.

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Noch sind die Äste der alten Linde dicht behangen mit dem grünen Leben, welches Amseln, Spatzen, Bienen und allerlei kleinen Lebensformen Schutz und Raum bietet. Doch die beginnenden Herbststürme läuten das zyklische Sterben ein. Die süß duftenden Blüten sind längst verblüht und die kugelförmigen Nussfrüchte segeln mit jedem Windstoß hinab. Am Boden sammeln sich die gold-braunen Überbleibsel des Sommers und breiten sich langsam zu einem Teppich auf dem roten Steinboden aus.

Ein Lichtspiel aus Sonne und Wolken taucht die Welt in die unterschiedlichsten Stimmungen. Die Strahlkraft der Sonne ist noch enorm und legt sich wie eine warme Decke über die Schultern. Wohlwollend streichelt sie die Wangen, die ich ihr gerne entgegenstrecke. Eine Wolkenwand verdunkelt die Linde. Sofort bringt jede Windböe einen Hauch Kälte mit. Man muss den Kragen hochschlagen und vergräbt die Hände automatisch in der Jackentasche. Auch dort, in den dunklen Zipfeln der Jacke, finde ich die Boten des Herbstes: erste Kastanien, die sich auf den Weg machen und bereit sind ihre stachelige Schalen zu verlassen.

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Der Sommer hat viel geschenkt:  bunte Blumenfelder, blühende Bäume, Obst, Gemüse und auch jetzt noch hängen Äpfel an den Ästen und selbstgekochte Pflaumenmarmelade und selbstgebackener Pflaumenkuchen werden in den Cafés angeboten. Das Herbstkleid verdrängt die bunte Farbenpracht und hüllt die Landschaft in ein rot-braun-goldenes Gewand. Die Natur verabschiedet sich im königlichen Glanz.

Sterben ist nicht kläglich, es ist ein Fest des Lebens. Von all jenem, was im vergangenem Jahr erwachte, sprießte, aufblühte, Früchte trug und sich nun zur Ruhe begibt. Gerade an diesen Tagen, an denen die Erinnerung an Sonnentage und die Boten der dunklen Stille im Innenhof unter der Linde zusammenspielen, ist leben und sterben zugleich präsent. Und es macht keine Angst. Im Gegenteil – voller Vertrauen auf die lange aber wohlverdiente Winterruhe, aus der neue Kraft, neues Leben entspringen wird, legt der Abend Schatten auf die Linde. Noch tanzen und singen die Blätter der sternenklaren Nacht entgegen und werden mich sanft in den Schlaf wiegen.

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