Hier ist genau richtig

Wo bin ich? Bin ich tatsächlich aus freien Stücken diesen Weg gegangen? Habe ich irgendeine Ausfahrt verpasst; irgendein Schild übersehen, das mich hätte auf eine andere Straße führen sollen? Wo bin ich? Und viel wichtiger: Was mache ich hier eigentlich? Also: Was mache ICH hier eigentlich?

Manchmal stehen wir fassungslos da, vor unserem eigenen Leben. Bin ich hier richtig? Und wie bin ich hierhergekommen? Wir stehen verwundert vor einer Begegnung und können uns nicht auf den Gegenüber einlassen. Wir sehen alle anderen weiterlaufen und fühlen uns wie Komparsen im eigenen Lebensfilm. Wir sind konfrontiert mit einer scheinbaren Übermacht an Emotionen, Aufgaben und Erwartungen – vor allem unseren eigenen – und wollen uns eigentlich am liebsten umdrehen. Aber der Weg geht nur weiter, nach vorne.

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Wie in einem Zeitraffer treten wir in einem ruhigen Augenblick einen Schritt zurück und erkennen: Irgendetwas läuft hier nicht richtig. Der Drang wegzugehen oder eher wegzulaufen wird stärker und die Gewissheit reift, dass man wohl tatsächlich nicht am richtigen Ort ist. Das ist nicht, wo ich sein will. Das ist nicht, wie ich sein will. Was wollen eigentlich alle anderen von mir?

Es können Wochen, manchmal Monate und leider auch Jahre vergehen bis wir bereit sind den Fingerzeig auf das Außen, die Anderen, zu senken und uns gegenüber zu treten. Nicht: Was wollen alle anderen von mir? Sondern: Was will ich eigentlich von mir?

Die Antwort kann trotzdem lauten: Ich will nicht hier sein, also genau hier in dieser Lebenssituation. Und weißt du denn, was du ändern wollen würdest? Weißt du denn, was genau dich verzweifeln, unruhig oder mürrisch sein lässt? Kannst du klar sehen, wie und wo du sein willst? Kannst du klar formulieren, was du eigentlich machen solltest?

Wir fühlen, dass sich die Situation nicht gut anfühlt. Es bedrückt uns, nervt uns, zermürbt uns. Trotzdem scheint es keinen Ausweg zu geben. Wo ist denn das Zeichen, dass mich wieder auf den „richtigen Weg“ führt? Denn scheinbar bin ich davon abgekommen – das war so nie Teil meines Plans!

Wie schwierig ist es auszuhalten, dass wir – trotz der festen gegenteiligen Überzeugung – genau da stehen, arbeiten, erziehen, leben, wo wir sein sollen. Ungefragt werden wir konfrontiert mit unseren Ängsten, Erwartungen, Begegnungen und Aufgaben, die im Gedankenkarussell durcheinander gemischt und in der Gefühlsküche hochgekocht werden. Wir sind derweil der festen Überzeugung, dass es sich hier um einen schwerwiegenden Fehler handelt. Nachricht an das Universum: Ich würde jetzt gerne eine andere Richtung einschlagen. Und das Universum hört uns. Und ist geduldig. Wir hingegen nicht.

Und genau das ist die schwere Lektion. Es liegt nicht in unserer Macht, die steinigen Passagen zu umgehen. Aushalten – mit all der angebrachten Wut, Verzweiflung, Trauer, Ungeduld – und dabei nicht in Resignation oder blinden Aktionismus zu verfallen, ist schwer. Aushalten ist aber auch nicht passiv. Es die aktive Auseinandersetzung mit dem, was so schwer anzugucken ist. Warum will ich hier nicht sein? Warum will ich lieber anders sein? Und warum bin ich es nicht hier, gerade jetzt, in diesem Moment? Was hält mich zurück?

Es gibt keine einfache Antwort; kein eindeutiges Abfahrtsschild. Es gibt dafür unendlich viele Wege. Und sie sind alle richtig. Wo bin ich? Du bist hier genau richtig.

 

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