Die Kunst des Schreibens

Wir schreiben tagtäglich. E-Mails, Nachrichten über Messenger-Dienste, Einkaufszettel, Notizen für Kollegen oder die nächste Prüfung. Mit etwas Glück bekommen wir einen handschriftlichen Gruß, eine kleine Liebesbotschaft am Spiegel oder uns erreicht ein Brief oder eine Postkarte.

Während Schreiben, heute fast gleichbedeutend mit tippen, immer weiter verkommt zu einem Mittel zum Zweck – einen bestimmten Inhalt festzuhalten – ist es doch so viel mehr! Die Entwicklung einer Schrift machte es Kulturen möglich, ihre Traditionen und Geschichten der Familie zu verewigen. Ein Bild lässt viele Interpretationsmöglichkeiten zu; die aufgeschriebene Geschichte kann es ausschmücken und erzählt von den Bildern, die davor und danach kommen. Ein Film ist begrenzt; ja er kann beeindrucken mit special effects und Welten vor den Augen aufbauen. Nichtsdestotrotz ist auch dafür ein Drehbuch die Grundlage. In Büchern werden lange nicht mehr nur die Geschichten der eigenen Familie, des eigenen Volkes, der eigenen Kultur niedergeschrieben. Wir denken uns Geschichten aus, kreieren Welten, bauen Schlösser, Burgen, Raumschiffe und Parallelwelten. Und das Schreiben ist das Medium, durch das wir unsere Fantasie mit anderen teilen können. Unsere Geschichte bleibt nicht alleine in unserem Kopf oder ist lediglich einer kleinen Zuhörerschaft vergönnt. Wir schreiben und kreieren damit eine Wirklichkeit. Der Adressat, der Leser, wiederum hat ebenfalls eine erschaffende Rolle. Er liest die Worte und formt um sie herum Bilder und haucht dem Geschriebenem Leben ein.

Das Schreiben ist kein Selbstzweck. Das Werk will gelesen, mit Leben gefüllt werden; ob von Lesern oder von uns, die es Jahre später nochmal in die Hand nehmen und staunen über unsere Worte.

Schreiben ist eine Kunst. Im Kindesalter meistern wir die erste Hürde und erlernen ein Schriftbild. Mit Hilfe verschiedener Buchstaben können wir Wörter und schließlich Sätze formen und unserer Wahrnehmung Ausdruck verleihen und sie festhalten. Im Gegensatz zum gesprochenen Wort, das oft holprig und “dahin” gesagt ist, ist es mit dem Schreiben anders. Wenn man die Worte erstmal so schwarz-weiß vor sich sieht, dann überlegt man zwei Mal, ob man diese Aussage so stehen lassen will. Wie könnte sie verstanden werden? Beim Sprechen kann man sich eher korrigieren. Aber das Geschriebene steht da. Fest geschrieben. Verewigt.

Deswegen ist die Ausbildung in dieser Kunstform eine langwierige. Es bedarf der Gabe, die Gedanken und Emotionen, die im Kopf und Körper herumschwirren in Worte zu fassen. Und am besten so, dass sie für andere verständlich sind. Und noch besser so, dass andere sich darin wiederfinden. Das ist einfacher gesagt als getan! Die eigenen Gedanken und Gefühle verstehen, daran scheitert man schon regelmäßig. Diese aber auch noch zu beschreiben und den Leser mitzunehmen, so dass er sie mitfühlt, das ist eine Kunst.

Ich schreibe und kreiere. Ich schreibe und bewältige. Ich schreibe und kommuniziere. Mit einem Stift und Papier sitze ich da und fange an zu schreiben. Manchmal kommt ein Impuls von außen – eine Äußerung einer Person, ein Erlebnis, ein Traum – und ich denke, ich habe ein Thema gefunden. Im Schreiben passiert dann etwas Magisches: ich schreibe Dinge, von denen ich gar nicht ahnte, dass sie in mir sind und gesagt werden wollen. Auf einmal driftet der Text ab und ich steuere in eine Richtung. Nur dass ich nicht steuere. Ich schreibe. Ich kreiere so auch Botschaften für mich selbst, derer ich mir gar nicht bewusst war. Ich bewältige Themen, die ganz nah bei mir sind und erkenne mich selbst im Geschriebenen wieder. Ich kommuniziere so mit mir selbst, den Lesern und dem Magischen – das Schreiben ist ein Kanal, ein Ventil, durch das Energie fließt und mich Welten kreieren lässt, die mir nicht bewusst waren.

Das macht das Schreiben für mich so spannend, unberechenbar und es macht auch süchtig. Ich nehme die Welt durch das Schreiben nochmal ganz anders wahr. Es ist eine Reflektion von menschlichen Regungen und erlaubt es mir mit einfachsten Mitteln Welten zu gestalten.

Schreiben ist ein Geschenk. Es befreit, es macht Freude, es verbindet. Es ist eine Kunstform, die keinen Abschluss bedarf. Sondern eben nur den bereits angepriesenen Stift und ein Blatt Papier und den Mut, die Gedanken und Gefühle, die in uns arbeiten, Ausdruck zu verleihen.

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