Glücklich leben

Wie kann man glücklich sein? Wenn die Ehe in Scherben auf dem Boden ausgebreitet ist? Das Offenlegen von Verletzlichkeiten, von scheinbarem Versagen fällt schwer. Wie kann man sich eingestehen, dass der bisherige Lebensentwurf der Überarbeitung bedarf; dass das bisher Gelebte weichen muss? Alles, was seit Jahren, teilweise Jahrzehnten bekannt und vertraut ist, wird nun in Frage gestellt. Und plötzlich ist man wieder zurückkatapultiert in die Jugendzeit und die dringende Frage steht im Raum: wer bin ich eigentlich? Was will ich eigentlich?

Wenn ich erwachsen bin, dann weiß ich, wie es läuft. Dann habe ich Sicherheit und Gewissheit, ich bin gefestigt und werde nicht mehr umgehauen von den vielen Unsicherheiten. Das war mein Irrglaube.

Alles ist vergänglich. Ein starres System ist immer über kurz oder lang zum Scheitern verurteilt, weil sich Leben entwickelt, immer. Das ist die Konstante: Veränderung. Wir verändern uns, nehmen Einflüsse aus der Umgebung, gewonnen aus Erfahrungen und Begegnungen, auf. Und das ist gut so, das ist lebenswichtig. Denn Leben lebt von Entwicklung. Leben ist kein Zustand, es ist etwas Bewegliches, Fließendes, Dynamisches. Leben ist ein Verb.

Wir verstehen Glück oft als einen Endzustand, ein festes Ziel, das erreicht werden will. Dann, an diesem Punkt angekommen, ist endlich alles gut. Keine Zweifel mehr, keine Sorgen, keine Angst. Dann geht es uns gut. Und wir können endlich glücklich sein –

– wenn endlich der richtige Partner kommt oder der Partner sich endlich so verhält, wie ich es mir wünsche; wenn mir endlich der richtige Job angeboten wird oder ich endlich die Anerkennung bekomme, die mir doch zusteht; wenn ich mir endlich das Eigenheim leisten kann; wenn ich endlich 10 Kilo abgenommen habe; wenn ich endlich …

Wir vergessen nur: das Leben ist endlich. Bei dem Versuch das Glück zu erreichen, die Checkliste zum Glück abzuhaken, einem nach dem anderen Punkt, werden wir eingeholt von der Endlichkeit. Wir wollen endlich glücklich sein. Doch Glück ist kein Schmetterling, der gefangen wird und den man dann hat, in der Jackentasche verwahren kann und ab nun an der stete Begleiter ist. Endlich glücklich sein. Es ist kein Dauerzustand, keine never-ending Glückssträhne, kein Endzustand. Es ist eine Entscheidung – für Dankbarkeit an and für jeden Tag, für Wertschätzung an und für jeden Tag, für lieben an jedem Tag.

Wenn wir also nach Jahren konfrontiert werden mit der Frage nach, wer bin ich, was will ich, dann sollte: glücklich leben, die Antwort sein. Ich lebe glücklich, das heißt, ich bin dankbar am Morgen aufzuwachen, den Tag vor mir liegend, mit meinen Gedanken und Gefühlen, die mich leiten. Ich lebe glücklich, das heißt, ich weiß um meinen eigenen Wert und den eines jeden Lebewesens, den Wert des lebens an sich. Ich lebe glücklich, das heißt, ich liebe, ich atme Liebe und Licht ein und trage sie vor meiner Brust. Ich handele aus der Liebe und fühle die Verbundenheit zum Gegenüber. Gerade dann, insbesondere dann, wenn ich im Gegenüber meinen Opponenten sehe.

Glück kommt nicht von außen; und wenn dann ist es endlich! Wie die Freude über ein neu gekauften Oberteil oder Auto. Oder die Freude über den Beifall und die Aufmerksamkeit. Oder die Freude über Essen und Alkohol, die Druck und Stress mindern können. Wir fühlen uns glücklich, endlich glücklich. Ein vergängliches Glück. Andere für unser Glück verantwortlich zu machen ist fatal, weil wir uns der Möglichkeit berauben, Glück im Leben zu leben. Glücklich leben ist eine Entscheidung; teilweise eine tagtägliche Entscheidung. Und unsere inneren Stimmen der ratio, des Egos, der Angst können laut und zerstörerisch wüten. Selbstschutz als Angriff auf die anderen führt in die Einsamkeit. Wir trennen uns selbst von der Einheit. Das Ego jubelt, unsere Seele trauert.

Habe ich die letzten Jahre, Jahrzehnte glücklich gelebt? Das ist nicht relevant. Das hier und jetzt zählt, denn leben ist genau dieser Moment und er legt den Grundstein für jeden weiteren Augenblick. Dankbarkeit üben, Wertschätzung entgegenbringen, lieben; damit können wir jeder Zeit beginnen. Dann können Beziehungen heilen. Dann ist nicht alles gut. Aber es heilt und Veränderung – Leben – bahnt sich seinen Weg. Es kann trotzdem bedeuten, dass sich Wege trennen, dass die gemeinsame Zeit an dieser Stelle endlich ist. Ich bin dankbar für die gemeinsame Zeit, ich wertschätze sie und all das, was ich mit und an dir gelernt habe, ich verwehre mich nicht der Liebe, ich bleibe in ihr auch nach einem Verlust.

Endlich glücklich sein oder glücklich leben. Niemand hat behauptet, dass es einfach ist. Es ist leben. Wir entscheiden, wie wir leben wollen.

IMG_3217

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.