Der Kern

Ich erfahre Trennung in Bindung.

Bindung war für mich verbunden mit etwas Skepsis gegenüber meinen gespeicherten Mustern – Angst vor dem Einlassen, Hingeben, sich fallen lassen – und Neugier und Erregung auf das neue Gefühl. Entgegen meiner Sorgen, Zweifeln und Ängsten bringt die Verbindlichkeit von Bindung die Erleichterung über das Gesehen werden. In fester, ernst gemeinter, sicher getragener Bindung halte ich keine Mauern aufrecht. Im Gegenteil; ich lasse sie einstürzen. Denn jede meiner beschämenden Teile sieht er liebevoll an und hat sie mir bereits vergeben bevor ich sie offenbarte. Denn für mein Gegenüber ist meine größte Scham ein funkelnder Teil von mir, den es nicht zu vergeben, sondern zu feiern gilt. Alles, was ich am liebsten in die Dunkelheit verbannen möchte, hält er aus und nimmt sie in Umarmung mit ins Licht.

Bindung ist anstrengend und fordernd: kann ich es aushalten, ungeschminkt, nackt, mit allen Ecken und Kanten gesehen zu werden? Es gibt keine Garantie ausgezeichnet mit einem Gütesiegel für die nächsten 30 Jahre. Es gibt etwas Besseres: die täglich verbindliche Zusage – jeden Tag aufs Neue erneuert und gelebt. Sich in Dankbarkeit und Demut vor den anderen stellen und immer sich immer wieder hingeben mit der Zusage: ich bin hier – das erfordert Mut, Kraft und gibt so viel Energie. Sich in einer Beziehung zu zeigen, erfordert Mut, Kraft und macht einen so viel größer, wenn man auch den Schatten, die Dunkelheit, als das eigene anerkennt und es als solches anerkannt wird. Die Verbindlichkeit in Bindung besteht nicht in einem einmalig gesprochenem Wort, einem einmalig gegebenem Versprechen oder einer Geste, sondern in stetig erneuerten Worten und Gesten. Verbindlichkeit ist kein Zustand. Verbindlichkeit ist ein Verb, es muss gelebt werden.

Doch bleibt auch Trennung in all der Bindung. Denn wir sind an unsere Körper gebunden und in diesen Körpern erleben, sehen, fühlen wir. Und selbst wenn wir die gleichen Begriffe benutzen, ist das Gefühl, das Erlebte doch immer subjektiv.

Ich liebe dich.

Du kannst nie wissen, was das, was du für mich bedeutest. Du erahnst es anhand deiner eigenen Gefühle, aber sie sind deine eigenen. In unserer großartigen Einmaligkeit, die Bindung so aufregend, schöpferisch, nervenaufreibend und zu weilen angsteinflößend macht, liegt Trennung. In diesem Leben werden wir sie nicht vollkommen überwinden können. In diesem Leben kann ich allerdings aus meinen Schatten und vor dich treten. Gesehen und geliebt werden in unserer Einmaligkeit; das ist die Grundlage jeder Bindung.

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„Jeder Mensch kennt Stunden tiefster Einsamkeit. Und diese entsteht und wächst als Kehrseite unserer Einmaligkeit. Jeder Mensch ist ein Original und so einmalig wie sein Fingerabdruck. Wir sind keine Kopien und Klone, sondern originell und einzigartig. Jede Person wird von bestimmten Eigenschaften geprägt und durch ihre Geschichte geformt. Jeder und jede kennt aber auch eine Verletzungsgeschichte, die sich in einer ganz individuellen Empfindsamkeit niederschlägt. Daher sieht und erlebt jeder Mensch die Welt in einer ganz spezifischen Weise.

Diese wunderbare Einmaligkeit bringt die Einsamkeit mit sich. Was ich erlebe, wie ich empfinde, meine Ideen und Träume, all das ist so besonders, dass ich vieles davon mit anderen nicht teilen kann. Wir verstehen andere immer nur bedingt und begrenzt und oft gar nicht. So stolz ich auf meine Einmaligkeit Wert lege, so schmerzlich kann bisweilen die Einsamkeit nagen.“

– Andreas Knapp

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