Es geht immer weiter

Über zwei Jahre ist es her, dass ich völlig abgehetzt hier im Buchladen ankam – nach meinem verspäteten Vorstellungsgespräch. Waterboarding, Entführung; die Liste der möglichen Gründe für mein Zuspätkommen schien für meine Familie endlos.

Seitdem hat sich vieles getan. Heute sitze ich hier und kann gar nicht so genau sagen, wo die Zeit seit jenem Apriltag geblieben ist. In den Momenten gab es Ewigkeiten und scheinbar nicht aufhörende Schreie nach Veränderung. Ich bin gewachsen, vor allem in meinem Glück und Strahlen. Alles, was ich mir erträumte, wird nach und nach Teil meines Lebens.

Aber vielleicht nicht genauso, wie ich es mir in meiner beschränkten Perspektive vorgestellt habe. Eine große Liebe kommt nicht auf einem Pferd daher geritten. Ein Tier wird nicht in einem Weidenkorb vor meine Tür gestellt und ich werde nicht über Nacht zum Kreativwesen, das sich durch tolle Kunstwerke den Lebensunterhalt verdient. Eine ayurvedische Ernährung und die buddhistische Ausgeglichenheit müssen nicht zwangsläufig die Grundlage für einen gesunden Lebensstil sein. Und nein, joggen wird für mich nicht plötzlich zum hippen Sport meiner Wahl.

Was wie wollen, was wir dafür scheinbar sein müssen und wer wir tatsächlich sind, das sind oft gegensätzliche Bilder. Raus aus der Komfortzone; das ist der Ort, wo wir wachsen und in Begegnung gehen. Mit Teilen von uns, Fähigkeiten von uns, die wir vorher nicht gesehen haben oder nicht sehen wollten. Es ist wertvoll und lässt neue Kräfte frei. Es ist aber auch anstrengend und bedeutet Überwindung von im Kopf aufgebauten und in die Zellen aufgenommenen Schranken und Verbote.

Sich einlassen heißt loslassen – loslassen von Bildern im Kopf, die uns eingepflanzt wurden und die wir selbst gedüngt und genährt haben, weil „man es ja so macht“ oder „man lebt halt so“ oder „man ist natürlich so“. Die Schubladen und Begrenzungen in ja/nein und richtig/falsch waren wichtig und wertvoll, um heranwachsen zu können in einer Welt, die nicht entweder-oder ist, sondern vielfältig, gegensätzlich, verwirrend, berauschend, überfordernd und fordernd.

Aber nun dürfen wir eintauchen und entgrenzen.

Sich einlassen heißt Demut üben – sich demütig hingeben: den Menschen, der Arbeit, der Situation, die mir gegeben sind. Ich will nicht mich auf einen Thron setzen; als wenn ich den besten Überblick über alles hätte und im Regiestuhl sitze und das Skript verfilme. Ja, ich habe Macht und mit ihr schaffe ich jeden neuen Tag. Und doch senke ich in Demut und Dankbarkeit meinen Kopf dafür, dass mir jeder neuer Tag gegeben wird.

Ich habe Ideen und Vorstellungen und Wünsche für mein Leben. Das ist gut. Und noch besser ist es, wenn wir in ungeahnten Begegnungen aufgehen und sich plötzlich neue Türen öffnen. Es geht immer weiter.

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